Im Interview verrät Melanie Dertinger – sonst unterwegs als Coach, Seminarleiterin und Resilienztrainerin – wie man durch Eigenverantwortung und Selbstreflexion zu Resilienz gelangt.
1. Eigenverantwortung und Selbstreflexion als Schlüssel zur inneren Stabilität
Frage 1: Frau Dertinger, Sie arbeiten als Coach und Resilienztrainerin mit Menschen, die unter Druck, Selbstzweifeln oder hohen Erwartungen stehen. Was beobachten Sie aktuell am häufigsten – woran fehlt es vielen Menschen, wenn es um innere Stabilität geht?
Antwort: Was ich aktuell am häufigsten beobachte: Menschen geben ihre eigene Macht ab. Nicht bewusst, aber sehr konsequent. An Umstände, andere Menschen oder die Vergangenheit.
Es wird erklärt, warum etwas nicht geht. Und ja – vieles davon ist nachvollziehbar. Aber genau da liegt das Problem. Innere Stabilität entsteht nicht durch bessere Umstände, sondern dadurch, dass Sie Ihre eigenen Handlungsspielräume erkennen. Dafür braucht es zwei Dinge: Eigenverantwortung und ehrliche Selbstreflexion.
Die entscheidende Frage ist nicht nur: Was passiert mir? Sondern: Was mache ich daraus? Solange die Schuld im Außen liegt, bleibt auch die Lösung im Außen.
2. Die Auswirkungen von verankerten Glaubenssätzen auf Resilienz
Frage 2: In Ihrer Arbeit begegnen Ihnen immer wieder fest verankerte Glaubenssätze wie „Du musst dich nur mehr anstrengen“. Welche Rolle spielen solche inneren Überzeugungen für unsere Resilienz?
Antwort: Diese Sätze sind kein harmloses Hintergrundrauschen. Sie sind das Betriebssystem, nach dem viele Menschen leben. Wenn Sie glauben, dass Sie nur genug leisten müssen, um gut genug zu sein, überfordern Sie sich permanent.
Das Problem ist: Diese Glaubenssätze wirken unsichtbar. Sie fühlen sich an wie die Wahrheit, nicht wie eine Prägung. Und genau deshalb sind sie so gefährlich. Sie treiben an, aber nicht hin zu Resilienz, sondern hin zu Erschöpfung.
Resilienz bedeutet nicht, noch mehr auszuhalten. Sondern zu erkennen, wann das, was Sie glauben, Ihnen längst schadet. Sonst passiert genau das: Sie fahren, gelinde gesagt, mit offenen Augen Ihren eigenen Karren gegen die Wand.
3. Selbstreflexion als Antrieb mentaler Widerstandskraft
Frage 3: Resilienz wird oft mit Stärke oder Härte gleichgesetzt. Sie betonen jedoch auch Ehrlichkeit gegenüber sich selbst. Warum ist Selbstreflexion ein so wichtiger Bestandteil von mentaler Widerstandskraft?
Antwort: Wenn wir auf das schauen, was ich beschrieben habe – Verantwortung im Außen und unbewusste Glaubenssätze – wird klar, warum Selbstreflexion so entscheidend ist. Sie ist der Moment, in dem Sie aussteigen aus dem Autopiloten, dem „Ich muss halt“, dem „Das ist einfach so“.
Resilienz hat nichts mit Härte zu tun. Härte macht starr und alles, was starr ist, bricht irgendwann. Resilienz bedeutet auch nicht Gleichgültigkeit. Im Gegenteil: Sie erfordert, dass Sie sich selbst wahrnehmen.
Denn nur wenn Sie ehrlich erkennen, was sie denken, was sie antreibt, kann Stabilität entstehen. Viele halten durch, obwohl sie längst merken, dass es ihnen nicht guttut. Das wirkt stark, ist aber oft Selbstüberforderung. Echte innere Stärke entsteht durch Stabilität.
4. Ent-wicklung statt Selbstoptimierung
Frage 4: In einer Zeit ständiger Selbstoptimierung fühlen sich viele Menschen unter Druck, immer leistungsfähiger zu werden. Wie kann man eine gesunde Balance zwischen persönlicher Entwicklung und Selbstakzeptanz finden?
Antwort: Ich glaube, wir denken hier oft in die falsche Richtung. Für mich sind Selbstoptimierung und persönliche Entwicklung zwei völlig unterschiedliche Dinge.
Selbstoptimierung bedeutet meist: Ich bin noch nicht gut genug, also muss ich besser werden. Und dann beginnt dieses ständige Nachjustieren.
Ich halte davon nicht besonders viel. Persönliche Entwicklung bedeutet für mich Ent-Wicklung: sich herauslösen aus alten Mustern, übernommenen Glaubenssätzen und fremden Erwartungen.
Und genau hier kommt Selbstakzeptanz ins Spiel. Allerdings nicht als „Ich bin gut so, wie ich bin und alle müssen das akzeptieren“, sondern als ehrliche Anerkennung der eigenen Geschichte. Für mich gehört echte Entwicklung untrennbar mit Selbstreflexion und Selbstakzeptanz zusammen und hat nichts mit Selbstoptimierung zu tun.
5. Resilienz stärken durch ehrliches hinterfragen
Frage 5: Wenn jemand heute beginnen möchte, seine eigene Resilienz zu stärken: Welche einfache Frage oder Übung würden Sie dieser Person als ersten Schritt empfehlen?
Antwort: In meiner Welt gibt es nicht die eine Methode oder fünf Schritte zu mehr Resilienz. Resilienz beginnt konkret. Schauen Sie sich eine Situation an, die Sie gerade belastet. Und stellen Sie sich eine ehrliche Frage:
„Was hält mich wirklich davon ab, hier etwas zu verändern? Was ist mein Anteil daran, dass es so bleibt?“
Denn wenn wir wirklich etwas verändern wollen, tun wir es auch. Wenn wir es nicht tun, gibt es gute Gründe und die sind oft stärker als der Wunsch nach Veränderung. Das kann Angst sein, Unbequemlichkeit oder der Wunsch nach Sicherheit. Solange diese Mechanismen unbewusst bleiben, drehen wir uns im Kreis. Resilienz beginnt, wenn Sie aufhören, im Außen zu suchen und anfangen, sich selbst ehrlich zu hinterfragen.